Implantat-Wechsel

Netze und azellulaere Matrices in der Brustchirurgie: wann Stuetzmaterial eingesetzt wird

Wenn das eigene Gewebe nicht mehr trägt

In der Brustchirurgie hält das eigene Gewebe in der Regel das Implantat an seinem Platz. Haut, Bindegewebe und je nach verwendeter Technik auch Muskel bilden zusammen die Tasche und deren Grenzen. Solange dieses Gewebe kräftig genug ist, braucht es keine weitere Unterstützung.

Es gibt aber Situationen, in denen genau das nicht mehr gegeben ist. Nach mehreren Voroperationen, bei sehr dünner Gewebedecke, nach einer Bestrahlung oder wenn eine Tasche bereits einmal nachgegeben hat. Für diese Fälle gibt es Materialien, die eingesetzt werden, um das Gewebe zu verstärken. Sie sind unter den Begriffen Netz und azelluläre dermale Matrix bekannt, oft abgekürzt als ADM.

Dieser Beitrag erklärt, was diese Materialien sind, wann sie eingesetzt werden und wo ihre Grenzen liegen. Ob sie in Ihrem Fall in Betracht gezogen werden können, entscheidet sich in der Untersuchung, nicht im Internet.

Chirurgische Materialien auf einem sterilen Tisch

Zwei Materialgruppen, die eine gemeinsame Aufgabe erfüllen.

Die Aufgabe besteht in beiden Fällen darin, eine tragfähige Schicht zu schaffen, wo das eigene Gewebe zu schwach ist. Der Weg dorthin unterscheidet sich jedoch.

Azelluläre dermale Matrix

Dieses Material stammt aus biologischem Gewebe, das entweder menschlichen oder tierischen Ursprungs ist. Sämtliche Zellen wurden daraus entfernt. Was übrig bleibt, ist das Kollagengerüst, also die Struktur, die dem Gewebe seine Festigkeit verleiht. Ohne die Zellen, die eine Abstoßungsreaktion auslösen würden, bleibt dieses Gerüst intakt.

Der zugrunde liegende Gedanke: Der Körper besiedelt das Gerüst mit eigenen Zellen und Gefäßen. Über mehrere Monate wandelt sich das eingesetzte Material zu körpereigenem Gewebe, das dort verbleibt, wo Verstärkung nötig war. Im Idealfall bleibt eine kräftigere Schicht am Ende zurück, die dem Körper gehört.

Synthetische und resorbierbare Netze

Netze bestehen aus Kunststofffasern und sind in zwei Varianten erhältlich. Einerseits gibt es Netze, die dauerhaft im Körper verbleiben. Andererseits gibt es Netze, die sich über Monate im Körper aufbauen, während parallel eigenes Bindegewebe entsteht, das die Aufgabe übernimmt. Das zweite Prinzip ähnelt dem der Matrix, mit dem Unterschied, dass der Ausgangsstoff industriell hergestellt wird.

Für den Einsatz an der Brust ist ein wichtiger Punkt zu beachten: Das Netz muss weich genug sein, damit es sich nicht tasten lässt. Was an der Bauchwand funktioniert, eignet sich an der Brust nicht automatisch. Der Grund hierfür liegt in der deutlich dünneren Gewebedecke an der Brust. Daher ist der Anspruch an das Ergebnis auch anders.

Wann Stützmaterial überhaupt sinnvoll ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab.

Hier geht es nicht um einen Routinefall. Bei einer Erstvergrößerung mit gesundem, ausreichendem Gewebe, ist das Einsetzen eines Netzes nicht erforderlich. Die typischen Einsatzgebiete sind hier enger definiert.

SituationWarum Verstärkung erwogen wird
Korrektur einer FehllageDie Begrenzung hat einmal nachgegeben und ist geschwächt worden.
Sehr dünne GewebedeckeSonst wären die Ränder der Implantate sichtbar oder tastbar.
Mehrfach voroperierte BrustNarbengewebe trägt schlechter als unversehrtes Gewebe.
Rekonstruktion nach KrebsDeckung und Formgebung mit wenig verbleibendem Gewebe.
Wiederholte KapselfibroseVeränderte Umgebung nach der Entfernung der Kapsel

Der vierte Punkt ist historisch der Ursprung. Ein großer Teil der Erfahrung mit diesen Materialien stammt aus der Rekonstruktion nach einer Mastektomie, wo oft sehr wenig Gewebe übrig ist. Von dort haben sie ihren Weg in die ästhetische Revisionschirurgie gefunden. Die Optionen der Rekonstruktion beschreibt der Beitrag zur Brustrekonstruktion nach Mastektomie.

Aerztin erklaert einer Patientin ein Modell

Wo im Gewebe das Material liegt

Ein Punkt, der das Verständnis erleichtert: Stützmaterial wird nicht zufällig eingebracht, sondern an der Stelle platziert, die es tragen soll. Bei einer nach unten ausgeleierten Tasche liegt das Stützmaterial im unteren Bereich, wie eine Hängematte unter dem Implantat. Bei einer Verstärkung nach innen befindet sich das Stützmaterial an der Grenze zum Brustbein. Bei der Rekonstruktion wird das Stützmaterial häufig als Verlängerung des Muskels verwendet, um den unteren Teil des Implantats zu bedecken, wo der Muskel nicht hinreicht.

Daraus folgt praktische Anwendung. Die Frage ist nicht, ob ein Netzwerk generell gut ist, sondern ob an einer bestimmten Stelle Ihres Gewebes eine tragende Schicht fehlt. Dies lässt sich untersuchen und benennen. Wer Ihnen ein Material vorschlägt, sollte in zwei Sätzen antworten können, wo genau das Material liegen wird und welche Aufgabe es dort übernimmt.

Ebenfalls hilfreich zu wissen: Diese Materialien werden mit Nähten fixiert. Sie liegen nicht lose, und sie wandern nicht durch den Körper. Wenn sich ein resorbierbares Material abbaut, verschwindet nicht die Struktur, sondern nur das ursprüngliche Gerüst, das bis dahin durch eigenes Bindegewebe ersetzt wurde. So ist zumindest der Plan, und wie gut er aufgeht, hängt von der Durchblutung des umgebenden Gewebes ab. Genau deshalb ist Rauchen in diesem Zusammenhang ein größeres Thema als bei einem Routineeingriff.

Was diese Materialien nicht leisten

Hier ist Nüchternheit angebracht, da Stützmaterial gelegentlich als Lösung für Probleme angeboten wird, die es nicht löst.

Ein Netz macht ein zu großes Implantat nicht tragfähig. Wenn die Grundrechnung aus Gewicht und Gewebe nicht funktioniert, verschiebt eine Verstärkung den Zeitpunkt, an dem es nachgibt, aber sie ändert die Statik nicht grundsätzlich. Wer ein Implantat wählt, das seine Gewebedecke überfordert, und das Problem mit Material auffangen will, löst die Ursache nicht.

Ebenso wenig ist Stützmaterial ein zuverlässiger Schutz vor einer Kapselfibrose. Es gibt Untersuchungen, die in bestimmten Konstellationen günstigere Verläufe beschreiben, und die Datenlage ist weder einheitlich noch abschließend. Wer daraus ein Versprechen macht, geht über das hinaus, was sich sagen lässt.

Die Nachteile gehören ins Gespräch

  • Zusätzliche Kosten können je nach Material erheblich sein.
  • Ein zusätzliches Fremdmaterial im Körper, mit eigenen Fragen zu Infektion und Serombildung.
  • Längere Operationszeit.
  • Eine Datenlage, die für ästhetische Anwendungen dünner ist als für Rekonstruktionen.
  • Bei bleibenden Netzimplantaten stellt sich die Frage, was in zwanzig Jahren damit ist.

Der zweite Punkt erfordert besondere Aufmerksamkeit. Es wird hierbei auf die Serombildung, also die Ansammlung von Flüssigkeiten, eingegangen. Diese Situation ist meist gut zu kontrollieren, trotzdem sollte sie vor der Einwilligung genauestens erläutert werden.

Die Fragen, die weiterhelfen

Wenn man Ihnen ein Netz oder eine Matrix vorschlägt, sind folgende Fragen angebracht:

  • Warum reicht mein eigenes Gewebe für diesen Eingriff nicht aus?
  • Welches genaue Material ist es, und entzieht es sich oder bleibt es bestehen?
  • Was kostet es, und ist der Preis im Kostenvoranschlag enthalten?
  • Welche Alternativen existieren? Zum Beispiel ein kleineres Implantat oder eine andere Behandlungsstufe?
  • Wie oft setzen Sie das ein, und mit welchen Erfahrungen?

Die vierte Frage ist die wichtigste. In einigen Fällen ist ein kleineres Implantat die einfachere Antwort auf dasselbe Problem, ohne zusätzliches Material und ohne Zusatzkosten. Diese Option sollte zumindest auf dem Tisch liegen. Welche Fehllagen überhaupt zu einer solchen Überlegung führen, beschreibt der Beitrag zur Revision und zum Implantatwechsel.

Material als Werkzeug nutzen, nicht als Verkaufsargument.

Wir setzen Stützmaterial ein, wenn dies aus einem bestimmten Grund erforderlich ist. In diesen Fällen erläutern wir den Grund. Wenn Ihr Gewebe das Material trägt, schlagen wir keine Maßnahmen vor, die Ihre Rechnung erhöhen würden, ohne Ihr Ergebnis zu verbessern. Falls das Gewebe das Material nicht trägt, erklären wir, welches Material wir warum wählen und welche Alternativen bestehen.

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